Veröffentlicht am
Dominique Horwitz. Faust vor der Formeltafel
von Florian Jäger

Dominique Horwitz in „Herr Teufel Faust“ vor der Formeltafel mit Mond, Renaissance-Theater Berlin. Foto: Florian Jäger, 27. Oktober 2026
Hinter dem Mann im hellen Anzug steht eine Tafel voller Formeln. Man erkennt die Gasgleichung pV = nRT, ein Integral, das Brechungsgesetz mit sin α durch sin β, und in der Mitte hängt ein fotografierter Vollmond. Auf die weißen Seitenwände ist mit dünnem Strich Leonardos vitruvianischer Mensch gezeichnet. Der Mann davor ist weiß geschminkt, ein Auge schwarz umrandet, der Mund rot, und er drückt das Schwarzweißfoto einer jungen blonden Frau an die Brust. Das ist Dominique Horwitz in „Herr Teufel Faust“, und in dieser Szene steckt schon die Idee des Abends. Sein Faust will die Welt in Gleichungen fassen, die Liebe hält er als Foto in der Hand.
Die Fassung hat Torsten Fischer aus Goethes „Faust I“ gebaut, er führt auch Regie, die Ausstattung stammt von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Horwitz ist allein auf der Bühne und wechselt zwischen den Figuren, gut anderthalb Stunden mit Pause. Herausgekommen ist die Produktion im September 2024 am Stadttheater Minden. Seitdem tourt sie als Gastspiel der Konzertdirektion Landgraf, 2025 bekam sie den INTHEGA-Preis „Die Neuberin“, den die Städte mit Gastspieltheatern vergeben. Die Ankündigung verspricht einen Bogen von Gretchen bis zu Kolonialismus, Industrialisierung und Anthropozän, also bis zu Themen, die bei Goethe erst im zweiten Teil vorkommen oder gar nicht.
Das Renaissance-Theater nennt sich auf seinen Eintrittskarten das letzte vollständig erhaltene Art-déco-Theater Europas. Der Saal von 1926 ist mit dunklem, gemasertem Holz ausgekleidet, an den Balkonwänden sitzen Intarsien mit Pflanzen und geometrischen Mustern, die Sessel sind mit ockerfarbenem Samt bezogen. Vor der Vorstellung hängt ein blauer Vorhang mit knittrigem Glanz vor der Bühne. Geht er auf, steht dahinter ein weißer, kühl ausgeleuchteter Kasten mit zwei schräg gestellten Wänden, und von oben fällt Licht durch Nebel. Gebaut ist das für die Tournee, für Stadthallen in Minden, Worms oder Göppingen. In diesem Saal sieht es aus wie ein Labor, das jemand in einen Salon gestellt hat.
Dem Stück hilft dieser Bruch eher. Faust will zu Beginn aus seinem Studierzimmer heraus, und hier sitzt er gleich zweimal fest, im weißen Kasten und darum herum im holzgetäfelten Saal. Auch die Formeln an der Tafel sind kein Zauberwerk. Es ist Physik aus dem Schulbuch, Gase, Licht, Schwingungen, und mittendrin hängt der Mond, den keine dieser Gleichungen erklärt.
Den Teufel aus dem Titel trägt Horwitz im Gesicht. Die weiße Schminke mit dem schwarzen Auge wirkt wie eine halbe Maske, als hätte Mephisto schon von Faust Besitz ergriffen, bevor überhaupt ein Pakt geschlossen ist. Für ein Solo ist das ein kluger Griff, weil ein Gesicht reicht, um zwischen zwei Figuren zu wechseln, ohne dass jemand die Bühne verlassen muss. Die Kritiken der Tournee loben vor allem diese Wechsel, der Acher- und Bühler Bote schrieb im April: „Er spielt nicht Faust, er ist Faust.“
Der Abend steht damit auf zwei Dingen, einem Schauspieler und einem Bühnenbild, das man sich merkt. Dass der weiße Kasten im falschen Haus steht, macht ihn eher stärker. Ein Faust, der aus seiner Stube will, wirkt am überzeugendsten in einem Raum, in dem er fremd ist.
„Herr Teufel Faust“ mit Dominique Horwitz, Gastspiel der Konzertdirektion Landgraf. Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100, Charlottenburg, bis 31. Oktober.
Impressionen


