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Grace Weaver. Dieselbe Bühne, andere Geste
von Florian Jäger

Grace Weaver, „Parataxis“, bei Soy Capitán: links zwei Figuren am Tisch, rechts eine Figur mit Amphore. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026
Die Figur passt nicht auf ihren Stuhl. Knie und Arme stoßen an die Bildränder, zwei Zöpfe stehen schräg nach unten vom Kopf ab, das Gesicht besteht aus vier Linien. Das Bild hängt in „Parataxis“, der Ausstellung von Grace Weaver bei Soy Capitán in der Lindenstraße, die seit dem 4. September läuft. Weaver malt Figuren, die zu groß für ihren Bildraum sind. Sie stellt sie immer wieder auf dieselbe Bühne, und von dieser Wiederholung lebt die ganze Ausstellung.
Der Körper ist aus einzelnen breiten Pinselbahnen gebaut, und jede lässt sich verfolgen. Die Borstenspur bleibt offen stehen, am Ende eines Zuges sitzt die Farbe als Wulst. Weil man sieht, wo jeder Strich ansetzt und endet, wirkt die Figur weniger gemalt als zusammengesetzt, wie ein Stuhl aus wenigen Teilen. Hinter ihr liegt ein cremefarbener Grund mit senkrechten gelben Streifen, links steht eine hellblaue zweigriffige Amphore auf einer ockerfarbenen Konsole, oben hängt eine dunkelblaue Kegellampe.
Um die Ecke tauchen dieselben Requisiten wieder auf. Ein großes Querformat zeigt zwei Figuren im Profil an einem kleinen dunklen Tisch, jede hält eine der beiden Flaschen. Darüber hängt wieder eine Kegellampe, und der Grund ist wieder gestreift, diesmal in Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett. Daneben, deutlich kleiner, hält eine frontale Figur in Violett eine dunkle zweigriffige Amphore mit beiden Händen, die Zöpfe diesmal waagerecht abgespreizt. Lampe und Amphore bleiben, nur die Geste ändert sich. Die Tischszene ist häuslich angelegt, aber so streng symmetrisch gebaut, dass sie eher nach Zeremonie aussieht. Auf der Konsole geht die Amphore noch als Deko durch, in den Händen der violetten Figur wirkt sie wie ein Gefäß für ein Ritual.
Parataxis heißt in der Grammatik die Nebenordnung, bei der Sätze nebeneinanderstehen und keiner dem anderen untergeordnet ist, und genauso ist die Ausstellung gehängt. Die Bilder hängen einzeln, weit auseinander und alle auf derselben Mittelhöhe, in sehr schmalen dunklen Schattenfugenrahmen, die man nach zwei Metern Abstand nicht mehr wahrnimmt. Kein Bild erklärt das andere, den Zusammenhang stellt man beim Gehen selbst her. Der Raum ist ein weißer Kubus, der seine Herkunft nicht versteckt. Die raue Rippendecke ist weiß gestrichen, darunter verlaufen eine verzinkte Stahlschiene und eine offene Rohrleitung, dazu kommen zwei lange Leuchtbänder und geschliffener Beton mit sichtbarer Dehnungsfuge.
Laut dem zweisprachigen Begleittext, der am Tresen auslag, zeigen Soy Capitán und die Galerie Max Hetzler die Ausstellung gemeinsam in ihren Berliner Räumen. Hetzler sitzt in der Bleibtreustraße 45, von hier aus quer durch die Stadt.
Eine Raumecke weiter hängt etwas, das nicht zu dieser Malerei gehört. Zwei flache Profilköpfe dem Anschein nach aus Ton sind einander zugewandt, der eine mit einer goldenen Klammer im Haar, der andere mit einem echten geflochtenen Zopf, der frei an der Wand herabhängt. Von jedem Kopf führt ein textilumflochtenes Kabel in weitem Bogen hinunter in eine Steckdose knapp über dem Boden, sodass die Hausinstallation Teil der Komposition wird. Daneben hängen eine glasierte Reliefplastik und eine gerahmte Fotografie mit einem aufgerollten gelben Schlauch vor einer Betonwand, und Schlauch und Kabel reimen sich. Die Tischszene heißt laut Werkliste wie die Ausstellung „Parataxis“, die Figur mit Amphore „Amphora“, beide von 2026. Die Liste verzeichnet nur sechs Bilder von Weaver. Köpfe, Relief und Fotografie stehen nicht darauf.
„Parataxis“ ist eine konzentrierte Ausstellung. Sie kommt mit wenigen Requisiten aus und wiederholt sie so lange, bis man nur noch auf die Gesten achtet. Was dabei stört, hängt am Rand. Die Tonköpfe mit echtem Zopf und echtem Kabel hängen nur eine Raumecke weiter und ziehen den Blick vom Bild zur Steckdose. Weavers Figuren brauchen so etwas nicht, ihnen genügt ein Rahmen, der eine Nummer zu klein ist.
Grace Weaver: „Parataxis“. Soy Capitán, Lindenstraße 34, bis 24. Oktober.
Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.
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