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Graciela Iturbide. Die Entscheidung fällt auf dem Kontaktbogen

von Florian Jäger

Graciela Iturbide. Die Entscheidung fällt auf dem Kontaktbogen

„Mujer ángel“ („Engelsfrau“), Sonora-Wüste, 1979 © Graciela Iturbide

Eine Frau steigt einen Felshang hinab, mit dem Rücken zur Kamera. Das schwarze Haar fällt ihr bis über die Taille, der helle Rock bauscht sich, in der rechten Hand hält sie ein Kofferradio. Vor ihr liegt die Wüste bis zum Horizont. Den weiten Rock und das Gerät bringt das Foto zusammen, ohne ein Wort dazu zu sagen. Es ist Graciela Iturbides „Mujer ángel“ („Engelsfrau“), Sonora-Wüste, 1979, das Bild über diesem Text.

C/O Berlin zeigte unter dem Titel „Eyes to Fly With“ („Augen zum Fliegen“) rund 250 Arbeiten aus mehr als fünf Jahrzehnten, die erste große Retrospektive der Fotografin in Berlin. Die Räume waren nach Serien geordnet. Das war richtig, weil Iturbides Werk zu großen Teilen aus Wiederkommen besteht. Nach Juchitán in Oaxaca kehrte sie ab 1979 immer wieder zurück, zu den Zapotekinnen, die dort die Märkte und das öffentliche Leben führen. „White Fence“ beginnt 1986 in East Los Angeles und folgt der mexikanisch-amerikanischen Cholo-Kultur über drei Jahrzehnte. Bei den Seri im Norden Mexikos fotografierte sie in den 1970er-Jahren.

Dazu kamen „La Matanza“ („Das Schlachten“) über rituelle Tierschlachtungen in der Mixteca und „Casa Azul“ („Das Blaue Haus“), aufgenommen zwischen den Dingen, die in Frida Kahlos Haus liegen geblieben sind. Selten gezeigt werden die Aufnahmen aus Indien und Bangladesch. Der Botanische Garten Berlin hat für die Ausstellung Pflanzen aus mexikanischen Biotopen beigesteuert.

Vintage-Prints, Kontaktbögen und Farbaufnahmen hingen nebeneinander. Am aufschlussreichsten waren die Kontaktbögen, weil man an ihnen sieht, wie viel Auswahl in einem einzelnen Bild steckt. Daneben wirkt selbst ein berühmtes Motiv weniger zwangsläufig. Man schaut der Fotografin beim Entscheiden zu, was die fertigen Abzüge nicht erlauben. Sie zeigen, was Iturbide sieht, die Kontaktbögen dagegen, wie sie wählt.

Graciela Iturbide: „Eyes to Fly With“. C/O Berlin.