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Martin Margiela und Alan Charlton. Kreise unter Hochspannung

von Florian Jäger

Martin Margiela und Alan Charlton. Kreise unter Hochspannung

Ausstellungsansicht: runde einfarbige Tafeln in der zweigeschossigen Halle der Konrad Fischer Galerie, oben hinter dem Galeriegeländer eine geteilte Scheibe. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026

Hoch an der Wand der Halle hängt eine große dunkelgraue Scheibe, senkrecht in zwei Hälften geteilt, und vor ihrem unteren Teil läuft das weiße Gittergeländer der Galerieebene. Das Raster legt sich wie ein Fensterkreuz über den Kreis. Es ist das stärkste Bild eines Besuchs in der Konrad Fischer Galerie in der Neuen Grünstraße, wo seit dem 10. September zwei Ausstellungen nebeneinander laufen: Martin Margiela mit „Martin Margiela in Berlin“ und Alan Charlton mit „Circle Paintings“ („Kreisbilder“). Nach dem Rundgang bleibt vor allem ein Befund: Am stärksten ist das Haus dort, wo die Kreise auf seine Architektur treffen.

Die Halle reicht über zwei Geschosse. Alles ist weiß gestrichen, auch Stützen und Unterzüge, unter der rau geweißten Decke laufen dicht gereihte Lichtbänder, der Boden ist Beton. An den Wänden hängen runde, einfarbige Tafeln in Dunkelgrau, Hellgrau und Schwarzblau, auf meinen Aufnahmen sind es mindestens fünf. Zwei davon sind geteilt: die große Scheibe oben in Hälften, eine dunkelblaue an der linken Wand durch schmale Fugen in Viertel. Die Fugen wiederholen das Kreuz aus Stützen und Balken, das die Halle gliedert, und die Scheiben sind die einzigen Rundungen in einem Raum aus rechten Winkeln. Weil sonst nichts in der Halle steht, liest man jeden Kreis als Abwandlung des vorigen: kleiner, heller, geteilt. Hängung und Architektur arbeiten hier zusammen.

Am Empfang liegen auf einem schwarzen Tisch weiße Karten mit „CIRCLE PAINTINGS“ und dunkle Faltblätter mit „MARTIN MARGIELA IN BERLIN“, daneben ein Gästebuch und ein Aufsteller, der per QR-Code auf „weitere Informationen zur aktuellen Ausstellung“ verweist. Werkschilder wird es gegeben haben; fotografiert habe ich sie nicht, deshalb ordne ich hier nicht zu, was zu welcher Ausstellung gehört. Anhaltspunkte geben die Plakate an gekalkter Ziegelwand, und was sie nahelegen, ist Folgerung, kein Beleg. Das Charlton-Plakat zeigt eine dunkle Kreisscheibe, das passt zu den Tafeln in der Halle. Eines von zwei Margiela-Plakaten zeigt eine Sitzschale aus dunklem Formholz mit weißem Polster.

Eine sehr ähnliche Schale hängt in einem Nebenraum zweimal an der Wand, mit seitlichen Laschen wie Montagewinkel. Davor steht auf einem weißen Sockel ein alter Klappsitz mit Metallgestell, hölzernen Armlehnen und weißer Sitzfläche. Die Stücke sehen aus wie aus Sitzreihen gelöst, wie man sie aus Kinos oder Hörsälen kennt. An der Wand werden sie zu Reliefs, auf dem Sockel zur Skulptur, und sitzen soll darauf niemand. Das ist ein trockener, genauer Einfall. Weil die Schalen dem Motiv auf dem Plakat gleichen, vermute ich sie in „Martin Margiela in Berlin“, belegen kann ich es nicht.

Für die übrigen Arbeiten habe ich nicht einmal diesen Anhaltspunkt. In einem hellen Raum sind Bahnen aus graubraun und cremeweiß gestreiftem Stoff an die Wand geheftet, die Kanten wellig geschnitten und ausgefranst; links ragen zwei Stücke wie Ärmel heraus, und die Streifen verziehen sich mit dem Stoff. Ein Stoff wie von einer Markise wird behandelt wie ein Schnittmuster. In einem anderen Raum lehnt eine weiße Platte an der Wand, darauf zwei runde Reliefs: Unterwäsche, verdreht in Rahmen gespannt wie in Stickrahmen, weiß und steif. Auch das sind Kreise, doch aus verdrehtem Stoff statt aus glatter, einfarbiger Fläche. Sogar das Büro macht mit: Über einem Schreibtisch mit Monitor hängt ein achteckiger Spiegel, eingefasst von gefalteten Farblagen.

Das Haus redet dabei laut mit. Grüne Stahltreppen mit rotbraunen Stufen winden sich durch ein Treppenhaus aus weiß gekalktem Ziegel, die Fenster haben violette, rote, grüne, gelbe und blaue Scheiben, neben der Steigleitung hängt ein Schild „Löschwasserentnahme für Feuerwehr“. Auf einem Podest lehnt eine mit weißem Kunstfell bezogene Palette an einer genieteten grünen Stahltür, weiches Weiß vor abgeblättertem Grün, eines der besten Bilder im Haus. Vor einer grünen Stahl-Glas-Wand stehen drei hohe Stapel einzeln in Folie eingeschweißter alter Hefte von „Paris Match“ und „Jours de France“, obenauf „Paris-Match a vingt ans“ („Paris-Match ist zwanzig“). Zwischen den Stapeln hängt ein gelbes Schild, das in vier Sprachen vor Hochspannung warnt, unterzeichnet von der „Berliner Kraft- und Licht (Bewag) AG“. Das Gebäude gehörte also einmal zur Stromversorgung. Mehr über seine Geschichte steht auf dem Schild nicht.

Als Ganzes ist das ein ungleicher Besuch. Die Halle überzeugt, weil Kreis, Farbe und Architektur ohne Erklärung zusammenfinden. Der Rest ist reich an Material, Streifenstoff, Fell, Unterwäsche, Sitzschalen, doch er verteilt sich über Nebenräume, Büro und Podeste, und zwischen den Räumen verliert sich der Zusammenhang, den die Halle so mühelos herstellt. Das Haus hält dagegen: Treppen, Stahltüren und das gelbe Warnschild der Bewag erinnern daran, dass es einmal zur Stromversorgung gehörte. Die Kreise in der Halle hängen unter dieser Spannung, und sie halten sie aus.

Martin Margiela: „Martin Margiela in Berlin“ und Alan Charlton: „Circle Paintings“. Konrad Fischer Galerie, Neue Grünstraße 12, bis 19. Dezember.

Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.

Impressionen

Zwei Sitzschalen an der Wand, vorn ein alter Klappsitz auf weißem Sockel, Konrad Fischer Galerie
Zwei Sitzschalen an der Wand, vorn ein alter Klappsitz auf weißem Sockel, Konrad Fischer Galerie
Mit weißem Kunstfell bezogene Palette an einer genieteten grünen Stahltür, Treppenpodest der Konrad Fischer Galerie
Mit weißem Kunstfell bezogene Palette an einer genieteten grünen Stahltür, Treppenpodest der Konrad Fischer Galerie
Drei Stapel einzeln eingeschweißter französischer Illustrierter vor einer grünen Stahl-Glas-Wand mit Bewag-Warnschild, Konrad Fischer Galerie
Drei Stapel einzeln eingeschweißter französischer Illustrierter vor einer grünen Stahl-Glas-Wand mit Bewag-Warnschild, Konrad Fischer Galerie
Plakat zu Martin Margiela, „Martin Margiela in Berlin“, an einer gekalkten Ziegelwand der Konrad Fischer Galerie
Plakat zu Martin Margiela, „Martin Margiela in Berlin“, an einer gekalkten Ziegelwand der Konrad Fischer Galerie