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Der Posaunenchor, den keiner so nennt: Matthias Muche BONECRUSHER in der Gedächtniskirche
von Florian Jäger

Matthias Muche BONECRUSHER beim Jazzfest Berlin vor dem Altar der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Foto: Florian Jäger, 1. November 2026
Über der Band hängt Christus. Karl Hemmeters Auferstehungsfigur aus vergoldetem Tombak, gut viereinhalb Meter hoch, schwebt mit ausgebreiteten Armen vor der blauen Glaswand der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Aus den hinteren Reihen sieht es aus, als dirigiere sie die Musiker unter ihr. Die stehen an diesem Sonntagnachmittag in einer langen Reihe vor dem Altar, jeder hinter einem Notenpult, zwischen den weißen Kerzen eine große Trommel, links und rechts Blumen. Matthias Muches BONECRUSHER gibt hier sein Debüt beim Jazzfest Berlin, ein Orchester aus elf Posaunen, Snare und Perkussion. Zu hören ist ein Konzert für Neue Musik, das auf einem Jazzfestival stattfindet, und die Kirche macht es noch ernster.
Der Programmtext der Berliner Festspiele legt Wert darauf, dass die Gruppe auf „konkrete Bezüge zu Militärkapellen oder den musikalischen Traditionen der Begräbnisparaden in New Orleans“ verzichte. Den naheliegendsten Verwandten erwähnt er nicht. Eine Reihe Posaunen vor dem Altarkreuz einer evangelischen Kirche ist erst einmal ein Posaunenchor, wie ihn viele Gemeinden haben. Die voll besetzten Holzstühle passen auch eher zum Gottesdienst als zum Club.
Muche, Posaunist aus Köln, bewegt sich laut Festspielen zwischen Komposition und freier Improvisation. An diesem Nachmittag hat die Komposition das Sagen. Er selbst beschreibt seine Musik als Arbeit mit „der Posaune als großem kollektivem Instrument, das zwischen Atem, Geräusch, mikrotonalen Harmoniefeldern, dichten Blechbläsertexturen und sich wandelnden Klangmassen vermittelt“. Das ist das Vokabular der Neuen Musik, und so ist auch das Programm gebaut. Gespielt wird Musik vom diesjährigen Album „Densities“ („Dichtegrade“): Muches Drone-Stück „Butter“, das episodische „Quarter“ und „Up+Down“ des Berliner Posaunisten Matthias Müller, der selbst im Ensemble sitzt, eine Studie über mikrotonale Glissandi. Dazu kommt eine Bearbeitung von Johannes Bauers Tonbandstück „Brass / Breath / Brisk“, in der Etienne Nillesen und Rie Watanabe an Snare und Perkussion den Rhythmus liefern.
Die Idee, ein ganzes Orchester aus einem einzigen Instrument zu bauen, ist gut, und das Ensemble reizt sie aus. Man hat das Gefühl, diese Posaunen könnten jedes Geräusch erzeugen, das es gibt. Bei manchem fragt man sich allerdings, warum es ausgerechnet eine Posaune sein muss, weil ein anderes Instrument dasselbe leichter und besser könnte. Das Konzert zeigt, was die Posaune alles kann, und weniger, wofür man es braucht. Eiermanns Kirche ist für diese Musik trotzdem ein dankbarer Ort. Die doppelten Wände aus Beton und Glas halten den Verkehr vom Breitscheidplatz draußen, und der Raum ist hoch genug für lang gehaltene Töne.
Der Einwand gilt dem Zusammenspiel von Musik und Ort. Die Posaune gilt, so steht es im Programmtext, als „überschwänglich, forsch und laut“, und davon will sich BONECRUSHER fernhalten. Das gelingt, die Geräusche ersetzen den Glanz. Nur bleibt dann wenig, was sich am Feierlichen dieses Raums reibt. Kerzen, Kreuz und eine golden schwebende Figur machen aus einer ernsten Komposition eine andächtige. Wer an einem Sonntag beim Jazzfest Bläsergewalt oder freie Soli erwartet, sitzt in einem Konzert, bei dem man eher still zuhört als mitgeht.
Bei Luther bringen sieben Posaunen die Mauern von Jericho zum Einsturz. In der Gedächtniskirche waren es mehr, und Gabriel Loires Glaswände haben gehalten.
Matthias Muche BONECRUSHER war am 1. November beim Jazzfest Berlin in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu hören.
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