Veröffentlicht am 2. September 2026
Tennis Bar. Niu Lai läuft im Browserfenster
von Florian Jäger

Das handgezeichnete Ankündigungsplakat zum Screening. Plakat: @tennisbarberlin / @topdogbigboy
Mittwoch, 2. September 2026, 20 Uhr, Reuterstraße 95. Eintritt frei, angekündigt zwei Tage vorher auf Instagram, mit einem handgezeichneten Plakat: zwei Rinder als Umrisslinien, eines gelb, eines orange, der Text von Hand. Der Raum ist eine Kiezkneipe mit niedriger Decke und dunklen Holzbalken, links neben der Leinwand hängt ein Lametta-Vorhang. Die rote und die grüne Bühnenlampe bleiben an, die ganze Vorstellung über. Zwanzig bis dreißig Leute, das ist hier ein voller Laden. Vor dem Film gibt es eine kurze Ansage.
Was zuerst auf der Leinwand steht, ist keine Titelsequenz, sondern eine Behörde. Grüner Grund, das Drachenlogo, darunter 公映许可证 und die Nummer 电审动字(2024)第033号, 国家电影局, China Film Administration. Die Vorführlizenz für chinesische Kinos, mitgerippt. Darüber liegt die Fensterleiste, in kleiner Schrift: Niu Lai Full Movie (English Subtitles). Am unteren Bildrand die Abspielleiste mit dem Zeitstand. Rechts an der Wand steht der Laptop auf einer Flightcase. Die Ankündigung hatte das nicht verschwiegen, sondern zum Programm gemacht: durch die Kraft von YouTube und Community wolle man den Kassenschlager gemeinsam ansehen.
Der Film hält, was die Screenshots versprechen. Bäume sind texturierte Kugeln auf Stäben, davor ein cyanfarbener Himmel ohne Verlauf. Ein Leopard sieht in die Kamera, gefleckt, mit menschlich geformtem Mund und Augen, die nicht ganz auf derselben Höhe sitzen. Später eine Kuh in Großaufnahme, so nah, dass nur Stirn und Maul ins Bild passen. Untertitel laufen doppelt, chinesisch über englisch, und am unteren Rand sind sie angeschnitten, weil das Seitenverhältnis nicht stimmt. Einmal springt das Bild auf ein kleines Rechteck in der Mitte der Leinwand, ein Viertel der Fläche, umgeben von Weiß. Es korrigiert niemand. Es lacht auch niemand darüber lauter als über den Film selbst.
Das ist der Punkt, an dem der Abend interessant wird. Xin Yumeng und Sun Lifang, Sohn und Mutter aus Dalian, haben fünf Jahre an dem Film gearbeitet, auf gebrauchten Rechnern, animiert in SketchUp, einem Programm für Architekturmodelle. Sie sind das gesamte Team und sprechen alle Rollen. In den ersten neun Tagen nach dem Start am 5. August verkaufte der Film 236 Tickets und nahm 7.169 Yuan ein, die Kopienzahl fiel von 245 auf vier. Dann kippte der Spott auf den chinesischen Plattformen in Neugier, Kinos malten Plakate von Hand und schrieben drauf, wer auf Bizarres stehe, solle reinkommen, Geld zurück gebe es nicht. Endstand: 60,27 Millionen Yuan.
In Neukölln ist von dieser Geschichte nur das Ende zu sehen, und zwar in der ehrlichsten Form. Kein Verleih, keine Kopie, keine Leinwandmaske, die das Format kaschiert. Ein Fenster auf einer Wand, mit Titelzeile und Abspielleiste, und ein Publikum, das für die Lücke zwischen Anspruch und Ergebnis kommt und nicht dagegen. Am selben Abend lief derselbe Film in Brooklyn, im Seventh Heaven Bar & Karaoke, ebenfalls gratis und ausverkauft. Für San Francisco suchte jemand auf X noch einen Co-Host. Weitere Termine in der Tennis Bar sind angekündigt, der Zuspruch war groß genug dafür.
Aufnahmen: Florian Jäger, 2. September 2026.
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