Veröffentlicht am 26. August 2026
Shanghai Museum East. Die Stadt im Fenster
von Florian Jäger

Der Ostbau des Shanghai Museum an der Century Avenue. Foto: Florian Jäger, 26. August 2026
Century Avenue 1952, Pudong. Vor dreißig Jahren lagen hier Felder, seit 2024 steht der Ostbau des Shanghai Museum darauf. Die Fassade aus hellem Stein legt sich in flachen Wellen um das Haus und erinnert von Weitem an eine aufgerollte Papierbahn. Entworfen hat sie das Architekturinstitut der Tongji-Universität, das die Ausschreibung gewann. Die Eröffnung zog sich über ein Jahr: erste Bauabschnitte im Februar 2024, Publikumsöffnung am 26. Juni, fertig war das Haus erst im November.
Zwanzig Ausstellungshallen, davon acht ständige, geordnet nach Gattungen statt nach Epochen. Bronzen, Kalligrafie, Malerei, Siegel, Keramik, Münzen, Skulptur, Jade. Ausgelegt ist der Bau auf zwanzigtausend Besucher am Tag. An einem Mittwochvormittag Ende August merkt man davon wenig, die Säle sind voll und trotzdem begehbar, und vor den Vitrinen drängelt niemand.
In der Keramikabteilung steht eine Rouleau-Vase der Famille verte, blassgrüner Grund, Pavillonszenen auf mehreren Ebenen, unten ein Boot im Lotusteich. Die Vitrine spiegelt die Umstehenden mit ins Bild, was hier ausnahmsweise kein Fehler ist: auf der Vase sehen Menschen einander bei etwas zu, davor tun Menschen dasselbe. Ein Stockwerk weiter hängt im Dunkeln eine Karte der Kreisstadt Shanghai als leuchtende Linienzeichnung, aus den Chroniken der Tongzhi-Zeit, gedruckt 1871. Eine ovale Stadtmauer, vier Wasserläufe, ein paar Dutzend beschriftete Tempel, Brücken und Ämter. Viel mehr war die Stadt damals nicht.
Das beste Argument des Hauses ist allerdings nicht ausgestellt, sondern begehbar. Auf der Dachterrasse schneidet die Decke eine weiche, wolkenförmige Kante in den Himmel, darunter Holzdielen, ein Geländer und die Stadt. Nach Westen das Wissenschafts- und Technikmuseum mit seinem aufgefächerten Dach, daneben das Oriental Arts Center, dahinter die Türme. Kinder hängen am Geländer, Erwachsene fotografieren. Ein Museum für Jahrtausende chinesischer Kunst, dessen offenster Raum nach draußen zeigt und die Karte von 1871 damit stillschweigend fortschreibt: das ist entweder ein Widerspruch oder der ganze Punkt.
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