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Susan Hiller. Das Jenseits sendet auf allen Kanälen

von Florian Jäger

Susan Hiller. Das Jenseits sendet auf allen Kanälen

Susan Hiller, „Channels“, 2013, Wand aus Röhrenfernsehern im Erdgeschoss der KW. Foto: Florian Jäger, 24. Oktober 2026

Blau. Der Raum im Erdgeschoss der KW ist so blau, dass die Haut der Besucher wie Papier aussieht. An der Stirnwand stapeln sich alte Röhrenfernseher zu einer Mauer, jedes Gerät flackert in einem anderen Blauton, und aus allen zusammen reden Stimmen. Sie erzählen vom Sterben. Ein Tunnel, ein Licht, eine große Ruhe, dann der Rückweg in den Körper. Susan Hiller hat für „Channels“ (2013) Berichte von Menschen gesammelt, die klinisch tot waren und zurückkamen. Auf den Monitoren läuft kein einziges Bild, nur Farbe und Rauschen. Weil es nichts zu sehen gibt, hört man zu.

„Bad Dreams“ ist die erste Überblicksausstellung der Künstlerin in Berlin. Hiller, 1940 in Florida geboren, 2019 in London gestorben, kam 2002 mit einem DAAD-Stipendium in die Stadt und blieb einige Jahre. Die KW zeigen sie im Erdgeschoss und in der Haupthalle, kuratiert von Emma Enderby und Liberty Adrien. Hiller hat Anthropologie studiert, bevor sie Künstlerin wurde, und die Gewohnheiten aus der Feldforschung hat sie nie abgelegt. Sie sammelt und beschriftet. Was die Leute glauben, deren Dinge sie zeigt, stellt sie aus, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Am deutlichsten wird das an einem dunklen Holzschrank mit Glastür. Auf filzbezogenen Böden stehen kleine Apothekerflaschen, jede mit einem Etikett von Hand: St. Mary's holy well, Willesden, London. St. Anne's well, Caversham. Su Lumarzo, Rebeccu, Sardinien. Wasser aus Quellen, die seit Jahrhunderten als heilend gelten, von Hiller seit 1969 gesammelt und als „Homage to Joseph Beuys“ in Schränke gestellt. Beuys traute Fett und Filz eine heilende Kraft zu, die Pilger trauen ihrem Wasser, und wer vor dem Schrank steht, merkt, dass er die Flaschen so andächtig betrachtet wie ein Museumsstück. Man muss nichts glauben, um mitzumachen. Ironie kommt dabei nicht vor, und das fällt auf, weil sie bei diesem Thema sonst der Normalfall wäre.

Dass sie auch malen konnte, sieht man in einem Flur mit Bildern auf Kindertapete. Über einer Tapete mit E.T., Elliott und dem leuchtenden Raumschiff liegt eine schwarze Fläche, aus der die Tapete nur in schmalen Schlingen hervorsieht, wie eine Schrift, die niemand lesen kann. Hiller hat jahrzehntelang mit automatischem Schreiben gearbeitet. Der Film von 1982 war für eine ganze Generation die erste Geschichte von einem Fremden, der freundlich ist, und die Tapete hing in Tausenden Kinderzimmern. Das Schwarz darüber erinnert an die Bettdecke, unter der man mit der Taschenlampe weiterlas. Zwei dieser Bilder hängen allein auf einer weißen Wand, mehr braucht die Wand nicht.

Schwächer ist „Dream Screens“, Hillers Netzkunstwerk von 1996 für die Dia Art Foundation. Im Original klickt man sich zu Hause durch monochrome Farbfelder und hört dazu Traumsequenzen, wahlweise in sechs Sprachen. In den KW steht dafür ein weißer Schreibtisch mit Monitor und Kopfhörern mitten im Gewölbe, und die Farbe des Bildschirms läuft als Projektion in Streifen über die Wand und über den Besucher, der gerade dran ist. Das sieht gut aus. Aber ein Werk, das für den stillen Bildschirm gedacht war, wird hier zum Büroarbeitsplatz mit Publikum. Man steht daneben, wartet, bis der Stuhl frei wird, und träumt dabei nichts.

Die Schwebenden holen das wieder herein. Eine große Schwarzweißfotografie zeigt ein Mädchen im Nachthemd, das waagerecht über einem Bett hängt, unter einer nackten Glühbirne, die Arme hängen herab. Hiller hat solche Bilder im Netz gefunden, Nachahmungen von Yves Kleins Sprung ins Leere, manche ernst gemeint, manche Trick. Sie vergrößert sie und rahmt sie. Aus dem groben Korn lässt sich nicht herauslesen, ob das Mädchen springt, fällt oder an einem Faden hängt, und je länger man hinsieht, desto weniger will man es wissen.

Zwei Treppen höher gehört das Haus Koo Jeong A. Die südkoreanische Künstlerin, die in den neunziger Jahren in Berlin lebte, hat einen ganzen Raum rosa gestrichen, den Boden in einem leuchtenden Magenta, und hängt darin gerahmte Strichzeichnungen auf. Eine Hand krallt sich in die Finger einer anderen. Zwei gekritzelte Felsen, dazwischen ein Seil, auf dem ein winziger Mensch balanciert. Ein Klotz in Parallelperspektive, der aussieht wie eine Treppe ohne Haus. Das Rosa frisst die Zeichnungen fast auf, es färbt die Blätter und die Haut, und man schaut genauer hin, weil man sonst gar nichts sieht.

Unter dem Dach dann „Seven Stars“. Große helle Leinwände, auf denen bei Licht nur ein schwaches Grün schimmert, davor ein flauschiger Teppich, auf dem man sitzen darf. Dann geht das Licht aus, und auf den Bildern erscheinen Sterne, grün leuchtend, Nebel und Sternbilder, gemalt mit phosphoreszierendem Pigment, das tagsüber Licht speichert. Nach einigen Sekunden ist es wieder hell, und die Bilder sind wieder fast leer. Wer keine Geduld hat, sieht hier nichts, und so will es Koo. Zwischen Hillers Fernsehwand und Koos Sternen liegen drei Treppen, und beide verlangen dasselbe von einem. Man wartet, bis sich etwas zeigt. Ob da wirklich etwas ist, sagt keine von beiden.

Susan Hiller: „Bad Dreams“ und KOO JEONG A: „OUSSSEAN“, parallel Rafik Greiss: „The City and the City“. KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Mittwoch bis Montag 11 bis 19 Uhr, bis 10. Januar 2027.

Fotos: Florian Jäger und Shaoyilei Zhang.

Bewegtbild

KOO JEONG A, „Seven Stars“, unter dem Dach der KW: Das Licht geht aus, auf den Leinwänden erscheinen die Sterne, dann wird es wieder hell

Impressionen

Susan Hiller, „Channels“, 2013, die gestapelten Fernseher aus der Nähe, jeder in einem anderen Blau
Susan Hiller, „Channels“, 2013, die gestapelten Fernseher aus der Nähe, jeder in einem anderen Blau
Susan Hiller, „Homage to Joseph Beuys“, seit 1969, Flaschen mit Wasser aus heiligen Quellen in einem Holzschrank, darunter St. Mary's holy well in Willesden und St. Anne's well in Caversham
Susan Hiller, „Homage to Joseph Beuys“, seit 1969, Flaschen mit Wasser aus heiligen Quellen in einem Holzschrank, darunter St. Mary's holy well in Willesden und St. Anne's well in Caversham
Susan Hiller, Bild auf Kindertapete mit E.T.-Motiv, schwarze Fläche mit Schlingen, in denen die Tapete durchscheint
Susan Hiller, Bild auf Kindertapete mit E.T.-Motiv, schwarze Fläche mit Schlingen, in denen die Tapete durchscheint
Susan Hiller, zweites Bild auf E.T.-Tapete in der Ausstellung „Bad Dreams“
Susan Hiller, zweites Bild auf E.T.-Tapete in der Ausstellung „Bad Dreams“
Susan Hiller, aus „Levitations (Homage to Yves Klein)“, ein Mädchen schwebt waagerecht über einem Bett unter einer nackten Glühbirne
Susan Hiller, aus „Levitations (Homage to Yves Klein)“, ein Mädchen schwebt waagerecht über einem Bett unter einer nackten Glühbirne
Susan Hiller, „Dream Screens“, 1996, als Schreibtisch mit Monitor und Kopfhörern im Gewölbe der KW, bevor die Projektion anspringt
Susan Hiller, „Dream Screens“, 1996, als Schreibtisch mit Monitor und Kopfhörern im Gewölbe der KW, bevor die Projektion anspringt
Susan Hiller, „Dream Screens“, 1996, die Farbfelder des Bildschirms laufen als Projektion über Wand, Gewölbe und den Autor, der die Arbeit ausprobiert
Susan Hiller, „Dream Screens“, 1996, die Farbfelder des Bildschirms laufen als Projektion über Wand, Gewölbe und den Autor, der die Arbeit ausprobiert
KOO JEONG A, „OUSSSEAN“, gerahmte Strichzeichnungen auf rosa Wand über magentafarbenem Boden, vorn ein Klotz in Parallelperspektive
KOO JEONG A, „OUSSSEAN“, gerahmte Strichzeichnungen auf rosa Wand über magentafarbenem Boden, vorn ein Klotz in Parallelperspektive
KOO JEONG A, Zeichnung im rosa Raum: eine Hand greift in die Finger einer anderen
KOO JEONG A, Zeichnung im rosa Raum: eine Hand greift in die Finger einer anderen
KOO JEONG A, Zeichnung im rosa Raum: zwei gekritzelte Felsen, dazwischen ein Seil mit einer winzigen Figur
KOO JEONG A, Zeichnung im rosa Raum: zwei gekritzelte Felsen, dazwischen ein Seil mit einer winzigen Figur
KOO JEONG A, aus „Seven Stars“, eine der Leinwände bei Licht, ein schwaches Grün auf hellem Grund
KOO JEONG A, aus „Seven Stars“, eine der Leinwände bei Licht, ein schwaches Grün auf hellem Grund